Warum ich die Write-it-yourself-Bewegung mag

Ich beobachte mit Freude, dass es im deutschsprachigen Raum so etwas wie eine Write-it-yourself-Bewegung gibt. Menschen, die keinen Bock haben, das Schreiben immer nur den Profis zu überlassen. Die sich in Internetforen und Schreibwerkstätten, auf Blogs und Lesebühnen kreativ austoben. Die Lust am Erzählen, am Umgang mit ihrer Sprache haben, unabhängig davon, ob sie sich selbst als „Autoren“ sehen oder nicht.

Mir gefällt dieser unkomplizierte Umgang mit dem Schreiben – denn selbstverständlich ist er eigentlich nicht.

Dass die „Masse“ schreibt, ist im deutschsprachigen Raum eigentlich etwas eher Anrüchtiges. Schreiben, das sollte man den Profis überlassen, den Autoren, den besonders Begabten, ja, den Genies. Denn die Mehrzahl der Leute kriegt doch nichts Ordentliches zustande, oder?

Wer (wie ich) schon mal in einem Verlag gearbeitet hat, der weiß, wie leicht es ist, über sogenannte „Hobbyautoren“ die Nase zu rümpfen. Der pensionierte Geschichtsprofessor, der seine langweiligen Kindheitserinnerungen auf 283 Seiten ausbreitet. Die junge Studentin, die ihren mittelmäßigen Liebesroman in ein rosa Plüschkuvert packt, um ja nicht übersehen zu werden. Der Fantasy-Freak, der eine hundertstrophige Elegie gedichtet hat und nun hofft, damit ganz groß rauszukommen… sind die nicht alle ganz schön peinlich? (mehr …)

3 Dinge, die man über den eigenen inneren Kritiker wissen sollte

Innerer Kritiker

Was hat er früher randaliert, mein Innerer Kritiker. Im Randalieren war er große klasse. Besonders hartnäckig war er, wenn es ums Schreiben ging. Ständig hat er sich eingemischt:

„Du musst noch das Bad putzen, sei doch nicht so verantwortungslos, du kannst dich jetzt nicht hinsetzen und schreiben, wenn das Bad wartet.“ Also habe ich das Bad geputzt, anstatt zu schreiben.

„Was du bisher so geschrieben hast, war ja ganz nett, aber das mit dem Literaturwettbewerb, das schaffst du nie, da sind die Profis, du bist nur eine mittelmäßige Anfängerin.“ Also habe ich den angefangenen Text nie zuende geschrieben.

„Du willst doch nicht ernsthaft DARÜBER schreiben, das ist voll peinlich, wenn das die Leute lesen, was denken die dann über dich, das kannst du nicht machen!“ Also hab ich den Stift weggelegt.

Früher war er ziemlich laut, heute ist er leiser geworden, mein Innerer Kritiker. Was vermutlich auch daran liegt, dass ich ihm heute besser als zuhöre als früher, er muss sich einfach nicht mehr so lautstark empören. Er kann jetzt ankommen und sagen: „Meinst du nicht, dass das peinlich wird, wenn du dich auf die Bühne stellst und da was vorliest?“ Und ich sage ihm: „Ja, das könnte es werden, aber wir kriegen das hin.“ Und dann stelle ich mich mit meinem Text auf die Bühne.

Was ist passiert? (mehr …)

Von der Seele schreiben

Von der Seele schreiben

Wenn mich etwas beschäftigt oder mir es nicht gut geht, greife ich ganz automatisch und intuitiv zum Stift. Schreiben ist für mich heilsam: Auf dem Papier darf ich die sein, die ich bin. Ich darf mich ausheulen, rumrotzen, pöbeln, die Welt Scheiße finden, zweifeln, grübeln, trauern. Und das tut verdammt gut.

Dass Schreiben hilft, ist allerdings mehr als nur meine subjektive Erfahrung. Es ist wissenschaftlich erwiesen.

Echt schrägt, oder? Das, was ich tagtäglich tue, ist im therapeutischen Alltag eine erprobte Methode, um Menschen zu helfen. In den USA ist man da schon etwas weiter als in Deutschland, dort gibt es zahlreiche Wissenschaftler, die sich intensiv damit auseinandergesetzt haben, was Schreiben bewirken kann. Und es gibt praktizierende Poesietherapeuten, die diese Erkenntnisse umsetzen und ihre Patienten beim Schreiben anleiten und begleiten. (mehr …)

Ein Plädoyer fürs Ausprobieren

Ein Plädoyer fürs Ausprobieren

Ich erzähle zur Zeit vielen Menschen von meiner Idee, dass man zu mir kommen und schreiben kann. Es ist irre schön, wieviel Interesse mir entgegen kommt, wieviele Leute aufhorchen und mehr wissen wollen. Nachdenklich stimmt mich nur, wie oft ich zu hören bekomme: „Ich würde das ja gern mal versuchen, aber ich weiß nicht, ob ich das kann.“

Hallo?!? Was ist das denn bitte für ein kruder Gedanke? Wie kann man etwas können, wenn man es noch nicht ausprobiert hat? Ist das nicht gerade Sinn des Ausprobierens, dass man sich an etwas wagt, was man noch nie gemacht hat und daher auch gar nicht können kann? Und schon gar nicht können muss?

Eigentlich wissen wir doch alle: Übung macht den Meister. Eine Binsenweisheit wie sie binsenweisheitiger gar nicht sein könnte.

Und dennoch scheint eine Vielzahl von Menschen an sich den Anspruch zu haben, ohne Übung Meister sein zu wollen. Sofort. In der ersten Klavierunterricht schon Schubert vom Blatt spielen zu können. Gleich am ersten Arbeitstag im neuen Betrieb alles richtig zu machen. Beim ersten Mal renovieren die Tapete perfekt an die Wand zu bekommen. (mehr …)

Schreiben und Sterben

In den letzten Wochen war ich gebannt von einem Buch: Arbeit und Struktur von Wolfgang Herrndorf.

Das Buch ist eigentlich ein Blog (hier zu finden). Entstanden ist es unter denkwürdigen Umständen: Herrndorf ist 45, als bei ihm ein Glioblastom, ein bösartiger Gehirntumor entdeckt wird. Seine Ärzte machen ihm nicht viel Hoffnung, sechs Monate noch, vielleicht zwölf, mit sehr viel Glück vielleicht sogar mehr. Dann: Ende Gelände.

Herrndorf muss gar nicht lang überlegen, er weiß, was er auf den letzten Metern tun will. Er setzt sich an seinen Schreibtisch und schreibt. (mehr …)