Herta Müller

Zugegeben, als Herta Müller im Jahr 2006 den Nobelpreis für Literatur bekommen hat, habe ich mich nicht näher mit ihr befasst. Diese Frau ganz in Schwarz, irgendwie streng, irgendwie vom Literaturhimmel herabgestiegen… das war mir nicht ganz geheuer. Jetzt, ein paar Jahre später, muss ich meinen Eindruck revidieren. Und zwar weil ich dieses gut gemachte Porträt der ARD über sie gesehen habe.

Was für eine coole Frau! Sitzt mit Schere und Prit-Stift bewaffnet an ihrem Schreibtisch und klebt Gedichte. Schneidet Wörter aus Zeitungen und Zeitschriften aus… und pappt sie auf Papier. Als wäre Schreiben nicht etwas Großes, Kompliziertes, sondern etwas, was jeder und jede tun kann, der oder die ein bisschen rumschnippelt und klebt. Ein Kinderspiel!

Ganz so einfach ist es dann doch nicht, denn Herta Müller prüft die ausgeschnittenen Wörter auf ihre Verwendbarkeit, testet sie, verwirft sie, nimmt sie wieder zur Hand, sammelt und archiviert sie… und komponiert so in einem durchaus mühsamen Prozess ihre Gedichte. Und dennoch: Für mich hat dieses Vorgehen eine Leichtigkeit, die sich mir sofort erschließt. Mit dem Wortmaterial spielen, so lange, bis sich etwas Überraschendes und Neues ergibt – I like!

Seit ich Herta Müller in dieser Doku gesehen habe, fühle ich mich auf wundersame Weise geerdet. Denn immer mal wieder komme ich an den Punkt, an dem ich denke, dass ich mit meinem Schreiben irgendwas Größeres, Innovativeres, Erstaunlicheres tun müsste, als das, was ich tatsächlich tue.

Und dann – dann stelle ich mir Herta Müller vor. Die Nobelpreisträger, die nachts mit Schere und Pritstift ausgeschnippelte Wörter aufklebt. Und ich bin sicher, sie lächelt dabei.

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