Eine Ode ans Schreiben… und an einen besonderen Vater

Was für ein besonderes Buch – was für ein besonderes Leseerlebnis! Hat es jemand von euch schon in Händen gehalten? Ich glaube, ich habe selten beim Lesen so ein Gefühl gehabt… andächtig trifft es vielleicht am besten. Es war mir ein tiefstes, inneres Vergnügen, Seite für Seite.

In Der Stift und das Papier erzählt Hanns-Josef Ortheil vom Schreiben. 384 Seiten lang. Und er erzählt dabei von niemand anderem als sich selbst. Von seinen allersten Anfängen als Schreibender, von seinen Entdeckungen im Land der Sprache.

Was ich bis dato nicht wusste: Hanns-Josef Ortheil hatte eine ungewöhnliche Kindheit. Bis zu seinem siebten Lebensjahr spricht er kein Wort. Er bleibt stumm, genau wie seine Mutter, die im Krieg vier von fünf Kindern verloren hat und nur über Zettel und Stift mit ihrer Umwelt kommuniziert. Erst mit Beginn der Schulzeit beginnt Hanns-Josef zu sprechen – mühsam, denn die Welt der Kommunikation ist ihm fremd.

Wie man sich vorstellen kann, hat es Hanns-Josef in der Schule mehr als schwer. Er versteht nur die Hälfte, wird von den Mitschülern verspottet. Die Lehrer raten zur Förderschule, denn sie selbst hätten keine Möglichkeiten auf den Jungen einzugehen. In dieser prekären Lage wird Hanns-Josefs Vater zum Nachhilfelehrer. Er veranstaltet für seinen Sohn in den Sommerferien eine „Schreibschule“.

Und davon erzählt „Der Stift und das Papier“.

Wie der Achtjährige Hanns-Josef zunächst Linien zeichnet. Stifte testet. Die Qualität von Papier untersucht. Wie er einzelne Wörter notiert, die er im Dorf oder im Laden augeschnappt hat. Wie er jeden Tag das Naheliegendste notiert: Wetter, Mittagessen, Fortschritte beim Klaiverüben. Und wie aus diesen täglichen Notizen eine Chronik wird, die ihn ein Leben lang begleiten soll.

Beim Lesen war ich vor allem berührt von der Unkonventionalität des Vaters, der – eigentlich Landvermesser – nicht viel Ahnung vom Schreiben hat. Der aber weiß, wie man systematisch an Dinge herangeht. Die Geschichten aus den Schulbüchern hält er für „dürftiges Zeug“ – Hanns-Josef soll lieber über seine eigenen Themen schreiben. Gerne auch über Fußball, aber wenn dann „auf chinesisch“, also so, dass es eigenwillig und interessant ist.

Es ist einzigartig und herrlich zu lesen, wie sich Vater und Sohn durch den Sprachdschungel arbeiten, wie sie neue Wörter auf ihren Gehalt hin abtasten und eigene Definitionen verfassen. Wie sie sich darüber unterhalten, wie man einen Text bewusst gestaltet – und was einen guten von einem schlechten Text unterscheidet.

Überraschenderweise steigt nach den Sommerferien auch die Mutter in die Schreibschule ein. Sie hat noch einmal andere Ideen, wie und was Hanns-Josef schreiben könnte. Über Musik. Übers Kochen. Und schließlich schreibt der Junge überall, wo er geht und steht; er wird hibbelig und unerträglich, wenn er mal 24 Stunden lang ohne Stift und Papier auskommen muss.

Sehr bewegt hat mich vor allem eine Szene: Nach etlichen Monaten Schreibschule spricht der Vater aus, was der junge Hanns-Josef selbst schon weiß. Dass der Vater ihm eigentlich nichts mehr beibringen kann, weil das Schreiben sein gottgegebenes Talent ist. Dass der Junge dafür aber viele andere Dinge nicht kann, nicht rechnen, nicht turnen, nicht Fußball spielen – und damit definitiv anders ist als die Kids in seinem Alter.

„Bin ich krank?“, fragt Hanns-Josef seinen Vater. Der verneint. „Wenn irgendjemand so etwas zu dir sagt, solltest du dich wehren. Und zwar richtig und nicht nur mit Worten.“

Welch Glück, dass dieser besondere Junge solch einen Unterstützer an seiner Seite hat! Einen, der sein Talent sieht. Einen, der ihn seiner Intuition folgend fördert. Und einer, der ihm uneingeschränkt den Rücken stärkt.

Hattet ihr jemals solche Unterstützer? Wer hat euch beim Schreiben gefördert? Ich freue mich über Nachrichten und Kommentare.

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