Du darfst!

Ich hab gestern Abend etwas erlebt. Ich hatte meinen ersten Auftritt als Improschauspielerin –  als Abschluss eines Kurses, in dem wir über 8 Wochen hinweg miteinander trainiert haben. Etwa 40 Zuschauer, eine kleine Bühne, zwei Stunden Show. Und den Zuschauern hat’s gefallen, es gab Zwischenapplaus und Laola-Wellen, jede Menge Gelächter, aber auch ganz stille, poetische Momente.

Das merkwürdige ist: Für mich haben sich mit diesem einen Auftritt Türen geöffnet, von denen ich gar nicht vermutet hatte, dass sie existent sein könnten.

Erstens: Ich war überrascht, wie unfassbar viel Freude es mir gemacht hat. Eigentlich dachte ich: Hmmm, ja, Impro ist schon ganz cool und macht Spaß, aber naja, eigentlich ist es nicht so wirklich mein Ding. Aber dann hatte dieser Abend wirklich starke Momente und ich hatte richtig richtig Freude. Ich hab die Zeit auf der Bühne von vorne bis hinten genossen. Das hat mich komplett überrascht, wie viel (!) Freude es mir gemacht hat.

Zweitens: Ich war von mir sebst überrascht, wie locker und entspannt ich auf dieser Bühne war. Beim Improtheater weiß man ja nicht, was letztendlich entstehen wird. Es gibt kein Drehbuch, keine festgelegten Rollen, keinen vorbereiteten Text – man geht mit nichts auf die Bühne. Und ich war überrascht, wie gut ich damit klar gekommen bin.

Drittens: Ich war überrascht, wie all die kreativen Dinge, die ich in den letzten Jahren gemacht habe, plötzlich zusammen gekommen sind. Als hätten sich ein Haufen unsortierter Steine irgendwie zurecht geruckelt. Alles fiel an seinen Platz. Mein Erfahrung mit Theater, Tanz und Improvisation. Und meine Storytelling-Fähigkeiten, die ich mir über das Schreiben angeeignet habe. Improtheater, so scheint es mir, bringt all das zusammen. Und das ist tatsächlich voll mein Ding.

Und was ich wieder einmal gemerkt habe: Wie wichtig es ist, dass ich mir erlaube, mir das zu nehmen. Mein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. Sondern es leuchten zu lassen.

Ich weiß nicht, ob du das kennst, aber der Reflex ist ja oft, dass man sich kleiner macht. Lieber im Hintergrund hält. Versucht, nicht anzuecken. Dass man nicht alles aus sich rausholt, sondern lieber etwas vom Gas geht, etwas weniger witzig ist, weniger provokant, weniger präsent – denn es könnte ja schief gehen.

Tatsächlich ist das aber beim Improtheater tödlich. Wenn du mit anderen auf der Bühne improvisierst, musst du voll da sein. Dich reingeben. Und zwar alles, was du hast. Denn in dem Moment, wo du selbst mutig bist, werden deine Mitspieler automatisch auch mutig. Die gegenseitige Inspiration ploppt wie ein kleiner Ball ständig hin und her und alles gerät dadurch in den Fluss.

Es geht also nicht darum, dich selbst zu inszenieren oder so zu tun, als wärst du der Beste – sondern es geht darum, dein Licht anzuknipsen und voll da zu sein, mit allem, was du hast. Weil dein Leuchten alle anderen ebenfalls zum leuchten bringt.

Ich muss mir das manchmal ganz bewusst erlauben, mir das zu nehmen: meinen Platz auf der Bühne, das Publikum, das an meinen Lippen hängt. Nicht zurückzuzucken, vor dem, was ich kann. Sondern es ernst nehmen und damit anwesend sein.

Einer dieser Momente von gestern Abend ist mir besonders in Erinnerung: Ich habe einen Großvater gespielt, der seine Enkeltochter auf dem Schoß hatte. Das Kind hat um ein Schlaflied gebeten – und ich als Großvater bin der Bitte nachgekommen. Ich habe spontan ein Lied erfunden, begleitet von einer Impromusikerin am Klavier. Und wie ich das Lied angestimmt habe, kam mir der Gedanke, dass wir das gar nicht geübt hatten. Kurz überlegte ich mir: „Ui, wenn wir es nicht geübt haben, darf ich das dann einfach so machen?“

Die Antwort lautet: Du darfst.

Wenn es um Kreativität geht, lautet die Antwort immer: Du darfst.

Ich hab also ein Liedchen gesungen, die Musikerin hat mich unterstützt, das Publikum hat mitgesungen, die Enkeltochter auf meinem Schoß ist eingeschlafen – ein wunderschöner Moment.

Ich glaube, dass das sehr essenziell ist, für jeden, der gerne schreibt oder irgendeine andere Art von Kunst in die Welt bringt: Es ist dir erlaubt, gut zu sein in dem, was du tust. Es ist dir erlaubt, anwesend zu sein und zu zeigen, was in dir steckt. Es ist dir erlaubt, dir dein Publikum zu nehmen, den Applaus in dich aufzunehmen, die Freude am kreativen Tun auszukosten.

Du darfst!

Also bitte mach dein Licht nicht kleiner, als es ist. Lass es leuchten.

Foto: „Lights #0“ von Brett Taylor (CC BY 2.0)

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