etwas in mir hat keine angst

Etwas in mir hat keine Angst

Wenn ich neue Projekte angehe, dann kann ich damit rechnen, dass früher oder später meine Angst auf dem Plan steht. Die Angst, die in mir randaliert und ruft: „Bist du bekloppt?!? Mach das auf GAR KEINEN FALL! Das wird schief gehen. Du wirst dich blamieren. Lass das!“

Das ist der Grund, weshalb ich mich in meinem Leben schon sehr viel mit meinen Ängsten beschäftigt habe. Meinen Ängsten rund ums Schreiben. Meinen Ängsten rund ums Sichtbarwerden mit meiner Kunst. Und ich kenne sie alle.

Die Angst davor, auf die Bühne zu gehen und ausgebuht zu werden.

Die Angst davor, mit meinen Themen anzuecken und ausgelacht zu werden.

Die Angst davor, dass sich keiner dafür interessiert, was ich zu sagen habe.

Die Angst davor, nicht gut genug zu sein.

Ich glaube, ich bin im Laufe der Zeit zu einer Art Expertin für meine Ängste geworden. Keine dieser Ängste überrascht mich noch. Klar, sie kommen nach wie vor ungelegen, sie nerven mich, sie sind mir lästig. Aber meine Ängste kriegen mich nicht mehr klein. Sie sind einfach da – und ich gehe dennoch auf die Bühne, ich veröffentliche dennoch meine Texte, wage dennoch immer wieder Neues.

Über die Jahre hinweg ist etwas passiert, scheint mir. Etwas ziemlich Erstaunliches.

Während ich in den letzten Jahren mir alle meine Ängste angesehen habe, während ich Kieselstein um Kieselstein umgedreht habe, um zu sehen, was darunter sitzt… währendessen hat sich etwas Neues in mir formiert.

Der Gedanke kam mir neulich zum allerersten Mal. Ich war innerlich unruhig, machte mir Sorgen um die Zukunft. Ich beschloss, eine Liste schreiben, eine Liste meiner aktuellen Ängste. Ich saß im Gras, auf einer Anhöhe mit Blick auf den See. Ich saß da und schaute ins Weite… und mir fiel nichts ein. Alles, was ich aufschreiben wollte, kam mir auf einmal merkwürdig vor.

Stattdessen schrieb ich: „Ich habe keine Angst. Nicht heute, nicht hier.“

Das war überraschend.

Damit hatte ich nicht gerechnet. Damit, dass es da außer Sorge und Unruhe noch etwas anderes in mir drin gab. Etwas in mir drin hatte überhaupt keine Angst. Ganz ganz tief unten, auf dem Grund des Meeres, war alles in mir drin ganz still. Dort, wo ich Angst vermutet hatte, war ein ganz anderes Gefühl: Vertrauen.

Vertrauen darauf, dass ich es schon hinbekommen werde.

Vertrauen darauf, es das Leben mit mir gut meint.

Vertrauen darauf, dass ich schon okay bin, wie ich bin.

Vertrauen darauf, dass es sich immer lohnt, sich fürs Vertrauen zu entscheiden.

An diesen verblüffenden Moment denke ich jetzt gerade zurück. Denn zur Zeit plane ich eine Lesung – meine eigene Lesung mit meinem eigenen Programm. Auf einer Konstanzer Kleinkunstbühne. Zusammen mit einem Musiker. Und ich bin verantwortlich für die komplette künstlerische Gestaltung. Das ist das krasseste, was ich mich je getraut habe.

Eigentlich sollte ich ausflippen vor Angst.

Stattdessen überkommen mich Wellen der Freude, wenn ich daran denke. Meine Idee von dieser Lesung ist so klar und strahlend schön und nichts daran erscheint mir verkehrt.

Ja, ich bin aufgeregt. Ja, ich spüre, wie das Blut durch mein Herz gepumpt wird, aber mein Herz ist kein bisschen verzagt, sondern ruft die ganze Zeit „Au ja, au ja!“. Ich spüre die Vorfreude, die Spannung, die flattrige Nervosität, mit der alle großen Unternehmungen einhergehen.

Aber Angst habe ich keine. Gar keine. Kein bisschen.

Und vielleicht, ihr Lieben, ist das das Geheimnis. Dass hinter all der Angst etwas auf uns wartet. Etwas, was gefühlt und gespürt werden möchte. Etwas, was existent ist, unterhalb der Oberfläche, an der es blubbert und sprudelt und schäumt und Wellen schlägt… ein Gefühl von Geborgensein in dieser Welt. Ein Gefühl von Stille, Frieden und Freiheit.

Ich habe keine Ahnung, wohin dieses Gefühl mich trägt. Aber ich habe zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, dass es mich trägt. Und ich glaube, das genügt für diesen Moment.

Foto: „Day 12 – Deep Blue“ by Simeon Berg (CC BY 2.0)

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