Friedenstagebuch 13.03.2022

Lieber Herr Selenskyj,

ich kenne jetzt Ihren Namen. Bist vor kurzem wusste ich nicht, wer Sie sind. Ich war noch nie in der Ukraine, ich habe keine Ahnung, wie es bei Ihnen so ist.

Und dennoch bin ich jetzt in Gedanken oft da, in diesem unbekannten Land: Donbass, Kiew, Lwiw, Punkte auf einer Landkarte in den Nachrichten.

Ich bin ehrlich gesagt verblüfft, dass Sie noch leben. Die russiche Regierung will Ihren Tod. Aber Sie sind noch da.

Ich dachte in den ersten Tagen: Die Ukraine hat keine Chance, dieses Land ist verloren. Aber Sie leben noch, irgendwo in einem Bunker, Sie tragen jetzt khakigrüne T-Shirts, keine Hemden, keinen Anzug, Sie sind vom Präsendenten zum Widerstandskämpfer mutiert. Sie machen deutlich, dass Sie nicht vorhaben zu sterben, und dass Sie nicht vorhaben, kampflos aufzugeben. Im Gegenteil. Ihr Militär ist erstaunlich erfolgreich, zumindest scheint es für den Moment so.

Wer sind Sie, Herr Selenskyj, jetzt, da Sie ständig im Fernsehen sind, und ich Ihren Namen kenne?

Sie sind Schauspieler und Comedian. Sie schreiben Drehbücher und haben eine eigene Produktionsfirma. Irgendwie macht mir das Mut, dass Sie aus der Welt der Kunst kommen. Dass Sie von sich sagen, dass Sie Geschichten mögen. Vielleicht eröffnet Ihnen das einen Weg durch diese Sache hindurch. Vielleicht sorgt das dafür, dass Sie Perspektiven sehen, die andere nicht sehen können.

Was macht das russische Militär da in der Ukraine? Was soll das? Warum führt die russische Regierung unter Putin solch einen Krieg? Warum schickt sie Panzer und Soldaten mit dem Ziel eine Nation auszulöschen?

Solche Männer wie Putin, die kenne ich aus dem Geschichtsbuch. Machtgeile, skrupellose Eroberer, die glauben, sie könnten sich mit dem Tod anderer Menschen Ruhm und Glanz verschaffen. Solche Männer, die gibt es eigentlich gar nicht mehr. Die sind Geschichte. Die sind mit dem Ende des 20. Jahrhunderts ausgestorben, dachte ich.

Wie ich mich geirrt habe.

Ich frage mich, wie es Ihnen geht, Herr Selenskyj.

Ich stelle mir vor, dass Sie wenig schlafen, dass Sie über Berichten brüten, strategische Mitarbeiter um sich versammeln, diskutieren, planen, Termine machen. Geht das, Herr Selenskyj? Geht das nicht über Ihre Kräfte? Kriegen Sie das hin? Vielleicht ist es auch egal, vielleicht müssen Sie gerade funktionieren, aus einem Reflex heraus, keine Zeit inne zu halten, keine Zeit, auch nur für einen kurzen Moment durchzuatmen.

Vielleicht passiert es aber doch, so stelle ich es mir vor. Dass Sie dasitzen und weinen über den Bildern.

So wie ich.

Ich meine, ich bekomme nur einen Teil der Bilder zu sehen, diejenigen, die für die Presseberichterstattung freigegeben sind. Sie bekommen die schlimmeren Bilder zu sehen, schätze ich. Die Bilder, die man zu sehen bekommt, wenn man Präsident ist und einen Geheimdienst hat.

Ich sehe die Bilder und jedesmal ist da Trauer. Trauer darüber, dass Menschen ihre Wohnungen verlieren. Trauer über die Häuser, denen die Fassade fehlt, dahinter zerstörte Einrichtungen, Möbel in Schutt und Staub. Trauer darüber, dass Menschen auf der Flucht sind, mit den nötigsten Sachen auf dem Rücken, eine Katze oder ein Kind auf dem Arm. Trauer darüber, dass die Männer ihre Frauen nur zur Grenze bringen dürfen und dann bleiben müssen, egal, wie viel Angst sie haben.

Ich hoffe, wir tun genug, Herr Selenskyj.

Wir demonstrieren.

Wir beten und tanzen für den Frieden.

Sehr viele Menschen registrieren sich auf Plattformen, die freie Betten für geflüchtete Menschen anbieten.

Sie fordern mehr von den PolitikerInnen der EU. Sie fordern Waffen, eine Flugverbotszone, Wirtschafssanktionen. Irgendwie schaut es nicht so aus, als ob die deutsche Regierung dazu in der Lage wäre. Niemand hier hatte die Ukraine so richtig auf dem Schirm, auch nicht den Krieg im Donbass, den es schon seit 8 Jahren gibt, ich zumindest hatte den nicht auf dem Schirm.

Tun wir genug? Sehe ich hin? Tue ich genug?

Ich musste in den letzten Tagen an „Ein verheißene Land“ von Barack Obama denken – haben Sie es gelesen?

Obama beschreibt darin die Jahre seiner ersten Amtszeit. Und er erzählt recht schonungslos davon, was es heißt, einer der „mächtigsten“ Menschen der Welt zu sein und gleichzeitig oft machtlos zu sein, weil die Dinge viel zu komplex sind und er oft nicht das tun kann, was er für richtig hält, sondern letztlich das tut, was das geringste Übel ist. Ich erinnere mich daran, wie er schreibt, dass er oft mit dem Gefühl zu Bett geht, nicht genug getan zu haben. Obwohl er einen 12-Stunden-Arbeitstag hinter sich hat.

Geht es Ihnen auch so?

Ich hoffe, dass es genug ist, was Sie und ich tun. Im Moment bestehen meine Möglichkeiten darin, an die UkrainerInnen zu denken, die jetzt gerade zu wenig zu essen haben, während ich gerade im Supermarkt Nudeln und Klopapier in meinen Einkaufskorb packe.

Schwer auszuhalten, das Ganze.

Ich hoffe, Sie spüren mein Mitgefühl. Ich hoffe, es kommt irgendwie bei Ihnen an.

Herzlichst,

Franziska Schramm

 

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