Friedenstagebuch 30.03.2022

Lieber Herr Selenskyj,

Sie leben ja immernoch. Sie tragen immernoch Khaki. Es ist immernoch Krieg.

Verstörend, das alles.

Ich frage mich, wo Ihre Frau ist. Wo Ihre beiden Kinder sind. Im Interview sagen Sie, dass Sie die Drei aktuell nicht sehen können. Das muss hart sein.

Es gibt gerade viel zu viele Väter, die ihre Kinder nicht sehen, die ihre PartnerInnen nicht sehen.

Ich habe mich bei der Stadt Konstanz gemeldet, ich könnte jemand vorübergehend bei mir aufnehmen. Wohnraum für eine Frau, die aus der Ukraine geflüchtet ist, maximal 4 Wochen. Ein Teil von mir hofft, dass es nicht so weit kommt, weil ich gar nicht genau wüsste, wie ich das bewältigen sollte. Der andere Teil von mir ist überzeugt davon, dass es richtig ist, das zu tun. Wenigstens meine Hilfe anzubieten.

Wenigstens etwas.

Wie ist das gerade, bei Ihnen, im Krieg? Ich sehe viele Bilder aus der Ost-Ukraine und Mariupol und Kiew. Aber wie sieht es anderswo aus? Gehen da die Kinder noch zur Schule? Sind die Judo- und Tennisclubs noch offen? Die Kinos? Die Bordelle? Geht das Leben da weiter?

Vor ein paar Wochen habe ich einen Film im Kino gesehen, ein funkelndes Juwel, ein Film in Schwarzweiß, der das Leben und die Liebe zum Cineastischen feiert. Ich bin sicher, er würde Ihnen gefallen.

Belfast, heißt der Film. Und er spielt auch dort. Der Film basiert auf den Kindheitserinnerungen des Regisseurs Kenneth Branagh, der Ende der 60er Jahre den Ausbruch der Troubles, der blutigen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanden in Nordirland, miterlebt hat.

Mitten zwischen Staßensperren, geplünderten Geschäften und kaputtem Glas geht die Kindheit einfach weiter. Der Ausnahmezustand wird Normalität. Und das Kind – der kleine wunderbare Buddy, der so gerne auf der Straße spielt, Blödsinn mit seinem Opa macht und den in der Nachbarschaft jeder kennt – das Kind wächst auf und wird groß in der Geborgenheit der Familie, deren Zusammenhalt und Humor die Grundlage für das spätere Leben bilden.

Der Vater ist derjenige, der dem Kind die Linie zwischen Richtig und Falsch zeigt. Falsch ist es, jemand auf Grund seiner Zugehörigkeit als Katholik oder Protestant abzulehen. Richtig ist, jeden freundlich uns anständig zu behandeln, der freundlich und anständig zu einem ist. Damit gebietet er der Hetze Einhalt, die in der Nachbarschaft stattfindet und sich in die Seelen der Kinder zu schleichen droht.

Ich denke an die Kinder in der Ukraine. Und irgendwie habe ich Hoffnung, seitdem ich diesen Film gesehen habe.

Weil auch unter den widrigsten Bedingungen Humor möglich ist. Zusammenhalt. Familienliebe.

Ist das so, Herr Selenskyj? Oder ist der nur im Kino so?

Ich wünsche mir, dass Sie die ukrainischen Männer ausreisen lassen. Dass Sie diejenigen raus aus dem Land lassen, die nicht bleiben wollen. Gerade gibt es viel zu viele Väter, die ihre Kinder nicht sehen, die ihre PartnerInnen nicht sehen. Und die besser darin wären, ihre Familien zu unterstützen, zu wickeln, zu füttern, zu spielen und zu singen, als zu trainieren, wie man eine Waffe bedient.

Das wissen Sie doch, oder? Oder sind Sie, weil Sie jetzt die ganze Zeit khaki tragen, plötzlich kein Vater mehr?

Ich bin sicher, Sie sind es.

Herzlichst,

Franziska Schram

 

 

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