Friedenstagebuch 25.04.2022

Lieber Herr Selenskyj,

ich frage mich, wie es bei Ihnen ist, im Bunker. Sehen Sie Netflix? Skypen Sie mit Ihrer Frau? Schauen Sie Nachrichten? Vielleicht sogar Nachrichten, in denen Ihr Gesicht auftaucht?

Sie können ja nicht mehr so wahnsinnig viel herumspazieren, denke ich. Vielleicht ist der Krieg deshalb dann auch so ähnlich wie bei mir in meinem Wohnzimmer. Ein Krieg, den ich nur über Bilder und Berichte kenne. Nicht, weil ich vor Ort gewesen wäre.

Wissen Sie, was ich denke, Herr Selenskyj?

Seit Tagen denke ich darüber nach, wie man diesen Krieg beenden könnte. Und ich sehe die Experten im Fernsehen und lese die Meinungen und durchdenke, was das alles heißt. Summa summarum heißt das, dass die Chancen schlecht stehen. Es sieht nicht danach aus, als könnte morgen alles zuende sein. Oder in einer Woche. Oder so.

So wie es aussieht, werden Sie weiterhin khakigrün tragen. Ein bisschen fad auf Dauer, oder?

Ich glaube ja, wir haben eine Chance.

Der Krieg kann enden.

Wir brauchen nichts anderes als ein Wunder. Ein handfestes, einzigartiges, alles überragendes Wunder.

Haben Sie schon mal ein Wunder erlebt, Herr Selenskyj? Dass jemand, den Sie lieben, der sehr krank war, gesund geworden ist. Oder einen Sonnenaufgang am Meer. Oder ein Baby, das an Ihren Bauch gedrückt, atmet.

So ein Wunder brauchen wir. Vielleicht noch ein größeres Wunder. Ein machtvolles Wunder, einen Fingerzeig vom Himmel.

Das Wunder, das ich mir vorstelle, beginnt mit einer Melodie von Dr. Alban. Kennen Sie Dr. Alban? Diesen Rop-Synthie-Rapper aus den 90ern?

Bestimmt kennen Sie den. Jeder kennt Dr. Alban.

Das Wunder, das ich mir vorstelle, beginnt mitten im Gefecht, mitten zwischen Schüssen und Sirenenheulen.

Es beginnt damit, dass es still ist, für einen Moment nur. Der wolkenverhangene Himmel bricht auf und ein Sonnenstrahl kommt heraus, wie ein Lichtkegel, der eine Bühne erhellt.

Und plötzlich ist da laute Musik, die durch die Straßen läuft wie starker Wind und die Musik scheint direkt aus dem Himmel zu kommen. Die Soldaten sind verblüfft und wissen nicht, wie ihnen geschieht, denn es ist Dr. Albans „Sing Hallelujah“. Es ist ganz eindeutig dieser Song, der eingängie Beat, die Synthesizer, die tiefe Stimme von Dr. Alban, die jubelnden Frauenstimmen.

Panzer bleiben am Wegrand stehen. Ukrainer wie Russen lassen ihre Waffen sinken.

„Krass“, ruft der erste.

„Was ist das?“, ruft ein anderer.

Und dann beginnt einer, ein russischer Soldat, zu tanzen. Weil er sich daran erinnert, wie es war, mit seiner Frau zu tanzen in diesem kleinen Club, in dem er sie kennen gelernt hat. Und weil er sich daran erinnert, wie sehr er sie vermisst.

Und der Rhythmus überträgt sich auf alle, erst stehen sie nur da, mit hängenden Schultern, dann beginnen die Füße zu wippen, die Schultern zu zucken. „Party!“, ruft ein ukrainischer Soldat und beginnt ebenfalls zu tanzen, und dann beginnen auch die anderen sich zu bewegen.

Gewehre fallen zu Boden.

Soldaten steigen aus ihren Panzern.

Die ersten beginnen zu lachen, zum ersten Mal seit Wochen. Die Anspannung fällt ab. Die Angst fällt ab. Die Sinnlosigkeit fällt ab.

Ukrainer und Russen tanzen gemeinsam zu 90er-Jahre-Pop direkt aus dem Himmel.

Alles ist vergessen, was zählt ist der Moment, mitten auf staubigem Gelände, irgendwo zwischen zerbombten Lagerhallen. Der Himmel reißt auf und die Sonne strahlt mit den Gesichtern um die Wette. Die ersten beginnen sich zu umarmen. Die ersten beginnen, miteinander zu singen und zu tanzen, so wie Menschen schon seit urzeiten miteinander singen und tanzen, auf allen Kontinenten, seit immer.

Denn das ist doch der Punkt, Herr Selenskyj.

Wir sind Nationen, weil wir irgendwohin gehören. Aber am Ende, ganz am Ende, sind wir Menschen. Und alle gleich.

Wir können uns ohne Worte verständigen.

Wir können gemeinsam tanzen, ohne auch nur irgendetwas übereinander zu wissen.

Wir können aufgehen im Moment, uns selbst vergessen, eintauchen in die Gemeinschaft stampfender Füße und fliegender Hände.

Ich hoffe, Sie wissen das. Und ich hoffe, Sie verlieren niemals Ihr Mitgefühl mit den russischen Soldaten, diesen jungen Männern, die sich mit Alkohol betäuben und wild um sich zu schießen, um vergessen zu können, wie weit weg sie sind von dem, was sie eigentlich sind: Lebendige, atmende Wesen mit einem tanzenden Herzen.

Also das, was wir alle sind.

 

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