„Schreiben kann man überall“ – Interview mit Karin Schwind

Autorin und Schreibcoach Karin Schwind konnte schon in der Schule nicht stillsitzen und schreibt deshalb am liebsten unterwegs. „Schreibspaziergänge“ nennt sie ihre Ausflüge und Streifzüge… und weil das so wunderbar klingt, wollte ich mehr darüber wissen.

Für das Gespräch mit ihr bin ich mit dem Katamaran quer über den Bodensee nach Friedrichshafen geschippert und habe gemerkt: Der Bewegungsdrang dieser Frau ist ansteckend!

 

Karin, wie bist du auf die Idee gekommen, Schreibspaziergänge zu unternehmen?

Das war 2012, die Frühlingssonne schien auf meinen Schreibtisch und ich war mal wieder an so einem Punkt, an dem ich mir dachte: Ich muss hier raus. Also habe ich mir Rucksack, Schreibzeug und Fotoapparat geschnappt und bin losgezogen, mit der Idee: „Ich mach jetzt einfach einen Schreibspaziergang.“

Ich habe dann gemerkt, dass ich beim langsamen Gehen Dinge entdecke, die ich vorher nicht gesehen habe. Zum Beispiel die beiden Löwen, die auf dem Eingangsportal vor Schloss Montfort in Langenargen sitzen. Mir fiel spontan ein Elfchen zu diesen Löwen ein; und so bin ich rumgezogen und und hab alle paar hundert Meter Beobachtungen notiert. Ich habe gemerkt: Es inspiriert mich, ich genieße die frische Luft und ich komme zur Ruhe.

Wenn du zu deinen Schreibspaziergängen startest, hast du dann auch ein Thema im Kopf oder gehst du mit Null los?

Manchmal gehe ich tatsächlich mit einem Vorhaben oder eine Frage los, denn ich habe festgestellt, dass ich beim Gehen sehr gut Texte entwickeln kann. Dazu brauche ich dann einen Weg, der wenig Aufmerksamkeit erfordert, wo ich einfach langspazieren kann. Und durch das Unterwegssein mit mir und meinem Thema entstehen manchmal perfekte Strukturen und Gliederungen für Texte oder auch schöne Formulierungen. Das brauche ich später nur noch in den Rechner zu tippen.

Ich suche mir aber auch ganz besondere Orte in der Natur, die mich zum Schreiben inspirieren, ohne schon genau zu wissen, was daraus entstehen soll. Ich habe zum Beispiel auf La Palma geschrieben, in der Caldera, einem vulkanischen Krater. Wir waren die Einzigen auf diesem einsamen Zeltplatz mitten im Naturschutzgebiet, das war einzigartig schön. Ich hab mir aus flachen Steinen einen Tisch gebaut und mein Heft drauf gelegt. Schreiben kann man überall!

Was machst du im Winter?

Da gehe ich auch raus – obwohl ich natürlich die mahnende Stimme meiner Mutter im Kopf habe: „Kind, du wirst dir die Blase erkälten“. Aber gerade im Winter ist die frische Luft so genial und beim Gehen friert man ja auch nicht – zumindest, wenn man wie ich gut im Kopf schreiben kann. Ich hab immer ein Isolierkissen für kalte Schlossmauern und feuchte Parkbänke bei mir. Und eine Kanne heißen Tee.

Das andere ist: Für mich heißt Draußenschreiben nicht nur, in der freien Natur zu schreiben, sondern ich kann auch im Café schreiben, in einer Bibliothek, im Museum. Das hat den Vorteil, dass ich meinen Schreibtisch hinter mir lasse, dass kein Telefon klingelt und keine Todo-Liste auf dem Schreibtisch mich mit großen Augen ansieht: „Bitte erledige mich!“

Im Café schreiben, das ist ja der Klassiker. Was ist für dich das Besondere daran?

Ich liebe es, einen Kaffee serviert zu bekommen – das ist für mich untrennbar verbunden mit: Jetzt habe ich Muse zum Schreiben. Auch wenn ich mir zuhause einen Kaffee mache, dann ganz bewusst, wenn ich mir Zeit zum Kreativsein nehme. Was natürlich im Café nicht geht, sind aufdringliche Musik und Bayern-3-Gedudele, da kann ich nicht arbeiten.

Du hast deine Schreibspaziergänge auch schon zu einer Schreibwanderung durch die französischen Cevennen ausgeweitet. Wie lief das?

Ich war zwei Wochen lang mit einer Freundin unterwegs, mit Rucksack, Zelt und – das war der Clou – zwei Eselsdamen. Wir wanderten auf dem Stevenson-Weg, benannt nach dem „Schatzinsel“-Autor Robert Louis Stevenson, der dort auch schon mit einem Esel unterwegs war. Die Idee war, daraus ein Buch zu machen, also wollte ich unterwegs Themen und Ideen sammeln und ganz viel schreiben.

Tatsächlich bin ich tagsüber kaum dazu kommen, weil die Sache weitaus abenteuerlicher war, als gedacht, und weil die Tiere unsere gesamte Aufmerksamkeit forderten. Ich hab dann ab und an Ideen in mein Handy gesprochen. Und zumindest abends, bevor uns abends im Schlafsack die Augen vor Müdigkeit zufielen, habe ich ein paar Zeilen niedergeschrieben.

Mittlerweile ist das Buch erschienen, es heißt „Vier Frauen auf zwölf Beinen“. Würdest du noch mal eine Schreibwanderung wagen? Und wenn ja, mit oder ohne Esel?

Wenn ich alleine auf Schreibwanderung gehe, dann bin ich natürlich viel mehr bei mir selbst. Mit den Eseln ist das anders, du bist mit deiner Aufmerksamkeit komplett bei den Tieren. Das fängt schon morgens an, füttern, Hufe auskratzen, putzen, satteln – das dauert, bis man dann endlich aufbrechen kann. Und abends hört es ja nicht auf. Wir hatten zwar immer ein Quartier, aber das sah oft anders aus als geplant: Da war manchmal kein Zaun oder es fehlte das Futter auf der Koppel. Aber natürlich hat all das auch diese Tour zu einer ganz besonderen gemacht. Also ja, jederzeit wieder, und jederzeit wieder mit Esel!

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