Vom Privileg schreiben zu dürfen

Vom Privileg, schreiben zu dürfen

Gestern überkam mich dieses Gefühl ungeheurer Dankbarkeit. Dafür, dass ich das darf. Dass ich schreiben und Geschichten erzählen darf.

Eigentlich hatte ich ja ganz andere Pläne für das Wochenende, eigentlich wollte ich wegfahren und eine Freundin wiedertreffen, die ich lange nicht gesehen habe. Doch dann kam der Orkan, der Zugverkehr wurde eingestellt und ich saß auf halbgepacktem Koffer und hatte plötzlich und unerwartet – Zeit.

Und wie ich so in dieser Leere am Schreibtisch saß, erinnerte ich mich daran, dass ich diese eine Kurzgeschichte fertig schreiben wollte. Ich öffnete das Dokument, ließ mich ergreifen von der unerwarteten Heftigkeit des Gefühls, das mir da auf dem Laptop-Bildschirm entgegensprang, und versank zwei Tage lang in der Welt meiner Figuren.

Was für ein Privileg, ihr Lieben. Was für ein Privileg in Frieden am Schreibtisch zu sitzen und all das durch sich hindurchlaufen zu lassen. Zeit, Erfahrung, Erinnerung, Phantasie.

Wenn ich eine derart intensive Zeit mit meinen Protagonisten zu verbringe, fühlt es sich immer ein wenig an, als dürfte ich einen Blick in ein fremdes Leben werfen. Ganz ganz vorsichtig schaue ich mich darin um und taste mich vorwärts. Für eine begrenzte Zeit lebe ich in einem fremden Körper und in einem fremden Kopf. Ich teste, wie die Welt um mich herum aussieht, was ich sehen kann, was vor meinem inneren Auge aufsteigt.

Gleichzeitig fühlt es sich an, als würde ich in mein eigenes Leben hinabsteigen. In das, was ich über die Jahre gesammelt habe, an Klängen und Bildern, Geräuschen, Gerüchen, Farben, Orten, Momenten, Erlebnissen, Augenblicken. Es ist, als würde ich dem lauschen, was mich vor langer Zeit angestupst hat und was immernoch in mir schwingt. Und meine Aufgabe besteht nur noch darin, dem eine Sprache zu verleihen.

Auch, als ich vom Schreibtisch aufgestanden bin, war ich noch der Welt meiner Geschichte verhaftet, sie war bei mir, und ich fühlte mich, als würde ich immernoch darin umhergehen.

Und da war es, dieses Gefühl.

Dieses Gefühl, dass all das ein unglaubliches Privileg ist. Mich umsehen zu dürfen, in dem, was mein Fühlen, Wissen und Denken produziert. Teilhaben zu dürfen an der Welt meiner Figuren, die ich in der Realität niemals betreten werde. Teilhaben zu dürfen an der fremden Welt eine Geschichte, die zwar immer etwas mit mir zu tun hat, aber nie ganz meine ist.

Ich glaube, ihr Lieben, für dieses Gefühl lohnt es sich zu schreiben. Für das Gefühl etwas tun zu dürfen, dass einen mit Dankbarkeit und Freude erfüllt. Jedes Mal wieder.

Foto: „img_9005_14344151713_o“ by Shawn Taylor (CC BY 2.0)

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