Von der Seele schreiben

Von der Seele schreiben

Wenn mich etwas beschäftigt oder mir es nicht gut geht, greife ich ganz automatisch und intuitiv zum Stift. Schreiben ist für mich heilsam: Auf dem Papier darf ich die sein, die ich bin. Ich darf mich ausheulen, rumrotzen, pöbeln, die Welt Scheiße finden, zweifeln, grübeln, trauern. Und das tut verdammt gut.

Dass Schreiben hilft, ist allerdings mehr als nur meine subjektive Erfahrung. Es ist wissenschaftlich erwiesen.

Echt schrägt, oder? Das, was ich tagtäglich tue, ist im therapeutischen Alltag eine erprobte Methode, um Menschen zu helfen. In den USA ist man da schon etwas weiter als in Deutschland, dort gibt es zahlreiche Wissenschaftler, die sich intensiv damit auseinandergesetzt haben, was Schreiben bewirken kann. Und es gibt praktizierende Poesietherapeuten, die diese Erkenntnisse umsetzen und ihre Patienten beim Schreiben anleiten und begleiten.

Die Poesietherapie ist in den USA eine anerkannte Therapieform, so wie auch Mal-, Tanz- oder Gestalttherapie; Posietherapeuten sind in einem eigenen Berufsverband organisiert. Deutschland ist noch nicht so weit, aber auch hier gibt es einige sehr beeindruckende Menschen, die sich fürs Schreiben als Therapieform einsetzen.

Eine davon ist Silke Heimes, Gründerin und Leiterin des Instituts für Kreatives und Therapeutisches Schreiben in Darmstadt. Für ihr Buch Warum Schreiben hilft hat sie Studien aus aller Herren Länder zusammengetragen, systematisiert und ausgewertet. Darunter finden sich Studien mit Studenten, die über ihre Prüfungsangst schreiben. Studien mit Witwen, die ihre Gedanken über den Tod ihres Partners notieren. Studien mit Rheuma-Patienten, die über Schmerzen und Belastungen schreiben.

Das erstaunliche ist: Die überwiegende Mehrheit der von Heimes zitierten Studien belegt, dass Schreiben hilft. Und zwar bei den unterschiedlichsten Menschen in den unterschiedlichsten Situationen: Bei Depressionen, Angsterkrankungen und posttraumatischen Belastungsstörungen, bei chronischen Schmerzen, Essstörungen, Suchterkrankungen und und und… Stimmung und Wohlbefinden verbessern sich, Schmerzen und Krankheitssymptome gehen zurück, Krankenhausaufenthalte verkürzen sich. Und das alles nur, weil jemand diesen Menschen Zettel und Stift in die Hand drückt und sie zum Schreiben ermuntert.

Abgefahren, oder?

Ich stelle mir vor, was passieren würde, wenn jeder Mensch – egal ob „therapiebedürftig“ oder „gesund“ – jeden Tag 20 Minuten schreiben würde. Der Menschheit würde quasi permanent die Sonne aus dem Arsch scheinen. Arztpraxen wären leer, Apotheken müssten schließen, Psychatrien bräuchte man nicht mehr… Milch und Honig würden fließen.

Okay, zurück zum Ernst des Lebens. Ich denke, jeder und jede kann sich die Erkenntnisse der Poesietherapie zunutze machen. Man muss nur eines verstanden haben: Es hilft nichts, über ein „neutrales Thema“ zu schreiben, wie es die wissenschaftlichen Studien so schön nennen. Es bringt überhaupt nichts, einen Aufsatz über die Vorzüge von Bitterschokolade oder Treppenliften oder Kontaktlinsen zu verfassen. Sondern man muss mitten rein in das eigene Elend, in unangenehme Gefühle, die man am liebsten vergessen möchte und vielleicht sogar vor sich selbst versteckt.

Das ist auch das, was das „Expressive Schreiben“ (das ist die am besten erforschte Methode der Poesietherapie) ausmacht. Es geht darum, sich in Gedanken mit einem belastenden Erlebnis zu beschäftigen und seine innersten Gefühle und Gedanken dazu zu notieren. Also das, was man wirklich fühlt und denkt, und eben nicht das, von dem man glaubt, das man es fühlen oder denken sollte. Im besten Fall schreibt man 15 bis 20 Minuten lang ohne Unterbrechung, ohne auf Rechtschreibung und Grammatik zu achten, ohne das Ziel besonders „gut“ oder „interessant“ zu schreiben.

Einfach alles raus, der ganze Schmodder!

Was dabei passiert, ist erstaunlich: Die unbekannten Gefühle werden zu einem Gegenüber, mit dem man in Kontakt treten kann. Sie verlieren ihre Bedrohlichkeit – und dadurch tun sich neue Zusammenhänge und Perspektiven auf. Im besten Fall ist das Schreiben eine Art Selbstgespräch, in dem man sich selbst und seine Gefühle ernst nimmt und wohlwollend anerkennt: Genau so geht es mir. Man muss das Elend nicht mehr von sich weg schieben – und genau das ist es ja, was so furchtbar viel Kraft kostet.

Kann sein, dass sich nach dem Schreiben eine sogenannte „Erstverschlimmerung“ einstellt, dass man sich also überhaupt nicht besser fühlt. Aber spätestens dann, wenn man die Übung ein paar Tage später wiederholt, stellt sich die positive Wirkung ein: Es strahlt einem die Sonne aus dem Arsch.

In diesem Sinne: Schreibt!

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