Wenn ich versuchen würde, meinen Schreibprozess zu beschreiben, dann würde ich sagen: Ich taste mich vorwärts. Ich beginne irgendwo und gehe dann langsam Schritt für Schritt weiter.

Ist das eine Methode?

Ja, ist es. Meine. Und ich glaube, dass sie für viele Schreibende ganz ähnlich funktioniert.

Zu Beginn jedes Textes steht für mich eine Figur, ich treffe sie, so ähnlich wie die Menschen in meinem realen Leben, per Zufall. Beim Bäcker, im Chor, auf der Straße.

Über meine Figuren weiß ich anfangs oft nicht viel, aber wir kommen irgendwie ins Gespräch. Und dann erlauben sie mir nach und nach, ihre Welt kennen zu lernen. Sie nehmen mich mit auf ihre Arbeit. Nach Hause. Zu ihren Freunden. Und so nach und nach lerne ich sie kennen, ihre Ängste und Sorgen, ihr Heimweh und ihre Verlorenheit. Und ihre individuelle Schönheit.

Das Ding ist: Diesen Prozess kann ich nicht abkürzen. Ich kann mich nicht zwingen, meine Texte schneller zu schreiben, als sie tatsächlich entstehen.

Manchmal ist das nervig. Manchmal wünsche ich mir, ich würde schneller zu einem Ergebnis kommen, ich könnte meine Texte nur so raushauen, einen nach dem anderen. Aber dann liegt hier ein angefangener Text rum und hier ein Versatzstück und dort eine Idee…

Immer mal wieder leuchtet in mir das Wort „Zeitmanagement“ auf. Es klingt so verheißungsvoll. Nach Effizienz. Schnellen Ergebnissen. Aber es killt auch sofort meine Begeisterung. Denn eigentlich liebe ich genau das am Schreiben: Dass ich meinen Figuren nahe kommen darf, dass ich sie neugierig und wach und voller Staunen beobachten darf – ohne Druck, etwas Bestimmtes leisten zu müssen.

Im Grunde genommen bin ich davon überzeugt, dass das mit dem Schreiben auch gar nicht anders funktioniert. Dass es unabdingbar ist, den Dingen ihre Zeit zu geben – weil Kreativität nun mal kein linear steuerbarer Prozess ist.

Und ich bin überzeugt, dass eigentlich unser gesamtes Leben genau so funktioniert. Dass wir im Grunde genommen nichts anderes tun, als uns jeden Tag Schritt für Schritt nach vorne tasten… die Hände suchend ausgetreckt, in der Erwartungen dessen, was wir erspüren können.

Foto: cc flickr.com (Robert Gourley)

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