Es gibt noch eine Geschichte, die ich euch unbedingt erzählen muss. Über den Taxifahrer, der mich am Montagmorgen vom Bahnhof Ravensburg zur Hochschule in Weingarten gefahren hat – und der mich so wundervoll überrascht hat.

Der Taxifahrer war ein netter Mann mittleren Alters, ein Pakistaner, der seit 20 Jahren in Deutschland lebt. Er hat sich erkundigt, was ich dort an der Hochschule mache und ich hab ihm erzählt, dass ich ein Seminar für Kreatives Schreiben halte und ich zum ersten Mal an der Hochschule bin und dieses Seminar zum ersten Mal überhaupt halte. Und er sagt: „Oh, das ist also Ihr First Flight!“

Ich hab gelacht, ja, mein erster Flug, so könnte man das nennen und hab dabei an ein Flugzeug auf seiner Jungfernfahrt gedacht. Der Taxifahrer hatte aber etwas anderes im Kopf, eine Geschichte, die er mir dann auch direkt erzählt hat. Diese Geschichte hat er vor vielen Jahren, damals an der Uni, im Englisch-Kurs gelesen und sie trägt den Titel „First Flight“. Und sie geht so:

Ein Vogeljunges sitzt in seinem Nest, es ist längst groß genug, um zu fliegen, aber es traut sich nicht. Seine Mutter macht ihm Mut und sagt, der kleine Vogel soll es einfach mal probieren – aber er ist sich nicht sicher, ob er es schaffen wird. Neidisch schaut er auf seine Kollegen in den Nestern rundrum, die sich mutig in die Tiefe stürzen und so wunderbar schnell und leicht herumfliegen. Er würde das auch gerne tun! Seine Mutter macht ihm weiterhin Mut… und dann… tatsächlich, er fasst sich ein Herz, breitet seine Flügel aus und wagt den Schritt ins Ungewisse. Und er stellt fest: Es ist gar nicht so schlimm, seine Flügel tragen ihn sicher und ja, es macht sogar Spaß zu fliegen.

Der Taxifahrer schaute mich von der Seite aus an und meinte: „Sie machen den Eindruck, als wüssten Sie, was Sie tun. Sie werden das sicherlich gut hinbekommen. Und Sie werden merken: Es ist gar nicht so schlimm.“

Ich hätte beinahe geheult, weil ich so berührt war von dieser Geschichte und der Tatsache, dass jemand, der mich kein bisschen kennt, mich so freundlich unterstützt und ermutigt. Gott! Was für ein Geschenk!

Auch jetzt noch, Tage später, denke ich an diesen Moment zurück. Denn er erinnert mich auch an eines: Wie wenig doch unser Job über uns aussagt. Taxi fahren, zum Beispiel. Wenn du Geisteswissenschaften studierst, dann heißt es oft scherzhaft „Spar dir die Mühe, mach doch lieber gleich den Taxischein!“ Taxifahren das ist das Sinnbild für einen perspektivlosen, frustrierenden und wirklich ätzenden Job. Ist das wahr? Ist das so?

Dieser Taxifahrer war nicht nur Taxifahrer. Er sah seine Aufgabe nicht nur darin, Menschen von A nach B zu bringen. Er war Geschichtenerzähler. Ein sehr guter Geschichtenerzähler, auch in etwas gebrochenem Deutsch. Er war Helfer in einer schwierigen Situation, er war Ermutiger, Unterstützer und Weissager.

Und ich glaube, das ist das große Geheimnis: Dein Job sagt so wenig über dich aus. Vielleicht bist du Zahnarzt, Automechanikerin, Fließbandarbeiter, Firmenchefin oder Verkäufer. Aber wer du wirklich bist, das entscheidest du selbst.Bist du Heiler, Helfer, Tröster? Erfinder, Visionär, Unterstützer? Bastler, Künstler, Philosoph? Versöhner, Versorger, Diplomat?

Wer bist du?

Foto: cc flickr.com (Jeremy Hung)

Wenn du meinen Beitrag kommentierst, werden deine Daten nur im Rahmen deines Kommentars gespeichert und nicht an Dritte weitergegeben. Es gilt meine Datenschutzerklärung.

Hinterlassen Sie einen Kommentar





1 + 4 =