hochsensibel

Warum für Hochsensible andere Regeln gelten

Als ich vor fünf, sechs Jahren zum ersten Mal dem Thema Hochsensibilität begegnet bin, ging ein kleines Erdbeben durch mein Leben. Erst nur ganz sacht, dann rüttelte es mich ganz schön durch, und es blieb sehr viel Staunen und sehr viel Freude in meinem Leben zurück.

Anfangs war ich ganz schön skeptisch. Hochsensiblität – das klang in meine Ohren nach so zarten, jammerigen, auf leisen Sohlen umherwandelnden Geschöpfen… und überhaupt nicht nach einer so starken, lebenslustigen und mitunter lauten Frau wie mir.

Erst nach und nach ging mir auf, worum es geht: Darum, dass Hochsensible sehr feine Sinne haben. Dass sie mehr hören, sehen und fühlen als andere. Dass sie manchmal von den Eindrücken, mit denen sie es zu tun haben, überwältigt sind und lange brauchen, um sich wieder zu erholen. Dass sie das, was sie da hören, sehen und fühlen, häufig in kreatives Tun umwandeln, ganz automatisch, ohne, dass sie jemand dazu anleiten müsste – weil sie einfach ein Bedürfnis haben, sich schreibend, zeichnend, gestaltend, tanzend, musizierend auszudrücken.

„High Sensitive Person“ ist die englische Bezeichnung für Hochsensiblität, und als ich diesen Begriff zum ersten Mal las, wusste ich: Genau das bin ich.

Ich las und las und las, was ich zum Thema unter die Hände kriegen konnte (zum Beispiel „Außergewöhnlich normal“ von Anne Heintze). Und ich erinnere mich, dass ich gleichzeitig erleichtert und entsetzt war.

Erleichtert, weil ich mich zum ersten Mal verstanden fühlte. Alle meine Macken und Spleens gaben auf einmal einen Sinn, angefangen von meinem eingeschränkten Speiseplan bis hin zu meinem starken Bedürfnis nach Rückzug. Ich war also nicht die einzige, die so tickte! Es gab Menschen, die die gleichen Erfahrungen machten wie ich! Ich war nicht alleine!

Entsetzt war ich, als mir klar wurde, was für große Auswirkungen diese Entdeckung auf mein Leben hatte: Warum zur Hölle hatte ich nicht gewusst, dass es ein Wort gab, das beschreibt, wie ich bin? Ich war so lange Zeit mit dem Gefühl herumgelaufen, dass mit mir etwas nicht stimmte, dass ich irgendwie anders und merkwürdig war – falsch konstruiert, so schien es mir. Und plötzlich dämmerte mir, dass alles an mir richtig war.

Wie anders hätte mein Leben aussehen können, wenn ich das nur gewusst hätte!

Die Mischung aus Trauer, Erstaunen, Ungläubigkeit, Skepsis, Erschütterung und Euphorie verwandelte sich mit der Zeit in reine, pure Freude. Das bin ich. Hochsensibel. Oder High sensitive. Oder wie immer man es nennen mag.

An meiner Hochsensibiltät ist nichts falsch, das weiß ich heute – für mich gelten nur andere Spielregeln als für viele andere Menschen. Und das ist okay so. Denn ich muss ja nicht das Leben anderer Menschen leben, sondern nur exakt meines.

Und deshalb habe ich aufgehört, mich den Spielregeln und Maßstäben anderer zu unterwerfen, sondern habe mir meine eigenen Spielregeln gemacht, die da lauten wie folgt:

Alleinsein ist völlig okay.

Früher hatte ich Panik, ich könnte als asozial gelten, weil ich Zeiten des Rückzugs und des Alleinseins brauche – manchmal auch plötzlich und unvermittelt.

Heute weiß ich, wie dankbar meine Mitmenschen sind, wenn ich ihnen erkläre, wie ich ticke, und dass sie sehr viel mehr Verständnis für meine „Sonderbarkeit“ haben, als ich angenommen hatte. Ich kläre meist auch schon vorab, wie lange eine Arbeitssitzung oder ein Treffen dauert. Manchmal kündige ich schon an, dass ich mich kurz ausklinken und zurückziehen werde – und in 99 Prozent der Fälle ist es kein Problem.

Ich glaube, das liegt auch daran, dass meine Kollegen, Freunde und Mitmenschen meist zu schätzen wissen, was ich mitbringe, wenn ich denn dann da bin: Ein offenes Ohr, ein genaues Auge, ein mitfühlendes und mitschwingendes Herz. Denn das ist das Geschenk, das alle hochsensiblen Menschen in ihrer Hosentasche tragen.

Mach’s auf deine Weise.

Viele Dinge machen Hochsensible anders als andere. Ich mag zum Beispiel keinen Kaffee. Ich trinke selten bis gar keinen Alkohol. Ich meide Großveranstaltungen. Ich tue mich schwer, wenn Restaurants zu laut und zu voll sind.

Für mich war ein weiter Weg zu lernen, dass die Dinge, die für andere Menschen ein Genuss sind, bei mir Abneigung erzeugen. Und dass das okay ist. Ich muss nicht mögen, was andere mögen. Ich muss nicht tun, was andere tun. Das bedeutet für mich nicht, überhaupt nicht mehr am sozialen Leben teilzunehmen. Aber ich sage eher mal Nein. Ich wahre meine Grenzen. Und ich bemühe mich nicht mehr darum, gut zu finden, was andere gut finden.

Das bringt jede Menge Freiheit und Leichtigkeit in mein Leben! Und manchmal glaube ich, dass diese Freiheit und Leichtigkeit ansteckend ist, dass andere dann auch sehr viel ehrlicher mir gegenüber sind und die Dinge auf ihre Weise tun.

Finde andere Wege, wie du arbeiten willst.

Wer hochsensibel ist, tut sich in der Regel mit der klassischen Arbeitswelt schwer. Großraumbüros sind häufig ein No-go, ebenso wie undursichtige Hierarchien, starre Regeln und latent schwelende Konflikte, an denen sich Hochsensible aufreiben können.

Für mich war deshalb eine der wichtigsten Fragen meines Lebens: Wie will ich arbeiten? Meine Antwort lautet: So selbstbestimmt wie möglich.

Bei meinem Teilzeitjob für das Improtheater Konstanz ist genau das möglich. Ich kann mir meine Arbeitszeit frei einteilen, ich kann im Büro arbeiten, ebenso wie von zuhause. Das alles fühlt sich gut an, mehr nach mir, nach meinem eigenen Rhythmus. Und das vielleicht wichtigste: Ich arbeite mit sehr vielen Menschen zusammen, die genau wie ich ein bisschen „anders“ sind, und das macht alles sehr viel einfacher.

Mein Anderssein ist in den Augen meiner Kollegen sogar so etwas wie ein Schatz. Gibt es etwas besseres?

Mach deine Kunst. Mach sie mit unerschütterlicher Heiterkeit.

Das ist vielleicht die allerwichtigste Regel, die ich für mich aufgestellt habe. Denn meiner Erfahrung nach gibt es für mich keinen anderen Weg zu sein. Ich muss Kunst machen, es geht gar nicht anders.

Warum ist sehr schnell erklärt: Was Hochsensible hören, fühlen und sehen, braucht ein Ventil. Das Zu-viel-an-Welt, dass sie mit sicher herumtragen braucht einen Ausdruck. Und dabei geht nicht darum, etwas Perfektes, Vollkommenes, ungeheuer Durchdachtes in die Welt zu bringen. Es geht darum, überhaupt die eigene Kunst zu machen.

Mach sie. Mach deine Kunst. Du brauchst sie und sie braucht dich. Es geht gar nicht anders. Also, hör auf dich zu fragen, ob du eine Autorin bist, ob du ein Künstler, eine Fotografin, ein Tänzer bist – es ist egal. Mach’s einfach. Als high sensitive person kannst du darauf vertrauen, dass sich die Antworten dir immer zur richtigen Zeit zeigen werden. Ich schwör’s!

Was sind deine Regeln? Ich freue mich über Nachrichten und Kommentare!

Foto: „moooooooooooo !“ by LS – (CC BY 2.0)

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