Friedenstagebuch 25.04.2022

Lieber Herr Selenskyj,

ich frage mich, wie es bei Ihnen ist, im Bunker. Sehen Sie Netflix? Skypen Sie mit Ihrer Frau? Schauen Sie Nachrichten? Vielleicht sogar Nachrichten, in denen Ihr Gesicht auftaucht?

Sie können ja nicht mehr so wahnsinnig viel herumspazieren, denke ich. Vielleicht ist der Krieg deshalb dann auch so ähnlich wie bei mir in meinem Wohnzimmer. Ein Krieg, den ich nur über Bilder und Berichte kenne. Nicht, weil ich vor Ort gewesen wäre.

Wissen Sie, was ich denke, Herr Selenskyj?

Seit Tagen denke ich darüber nach, wie man diesen Krieg beenden könnte. Und ich sehe die Experten im Fernsehen und lese die Meinungen und durchdenke, was das alles heißt. Summa summarum heißt das, dass die Chancen schlecht stehen. Es sieht nicht danach aus, als könnte morgen alles zuende sein. Oder in einer Woche. Oder so.

So wie es aussieht, werden Sie weiterhin khakigrün tragen. Ein bisschen fad auf Dauer, oder?

Ich glaube ja, wir haben eine Chance.

Der Krieg kann enden. (mehr …)

Friedenstagebuch 30.03.2022

Lieber Herr Selenskyj,

Sie leben ja immernoch. Sie tragen immernoch Khaki. Es ist immernoch Krieg.

Verstörend, das alles.

Ich frage mich, wo Ihre Frau ist. Wo Ihre beiden Kinder sind. Im Interview sagen Sie, dass Sie die Drei aktuell nicht sehen können. Das muss hart sein.

Es gibt gerade viel zu viele Väter, die ihre Kinder nicht sehen, die ihre PartnerInnen nicht sehen.

Ich habe mich bei der Stadt Konstanz gemeldet, ich könnte jemand vorübergehend bei mir aufnehmen. Wohnraum für eine Frau, die aus der Ukraine geflüchtet ist, maximal 4 Wochen. Ein Teil von mir hofft, dass es nicht so weit kommt, weil ich gar nicht genau wüsste, wie ich das bewältigen sollte. Der andere Teil von mir ist überzeugt davon, dass es richtig ist, das zu tun. Wenigstens meine Hilfe anzubieten.

Wenigstens etwas.

Wie ist das gerade, bei Ihnen, im Krieg? Ich sehe viele Bilder aus der Ost-Ukraine und Mariupol und Kiew. Aber wie sieht es anderswo aus? Gehen da die Kinder noch zur Schule? Sind die Judo- und Tennisclubs noch offen? Die Kinos? Die Bordelle? Geht das Leben da weiter? (mehr …)

Friedenstagebuch 13.03.2022

Lieber Herr Selenskyj,

ich kenne jetzt Ihren Namen. Bist vor kurzem wusste ich nicht, wer Sie sind. Ich war noch nie in der Ukraine, ich habe keine Ahnung, wie es bei Ihnen so ist.

Und dennoch bin ich jetzt in Gedanken oft da, in diesem unbekannten Land: Donbass, Kiew, Lwiw, Punkte auf einer Landkarte in den Nachrichten.

Ich bin ehrlich gesagt verblüfft, dass Sie noch leben. Die russiche Regierung will Ihren Tod. Aber Sie sind noch da.

(mehr …)

Möge Frieden sein

Möge Frieden da sein,
wo auch immer du gehst. (mehr …)

Über Mut

Es passiert immer mal wieder, dass jemand zu sagt: „Wow, mutig!“ Oder: „Du bist ein mutiger Mensch!“

Und meistens denke ich mir dann: „Oh Mann, wenn du nur wüsstest!“

Denn ja, ich habe in meinem Leben schon so manches ausprobiert. Und ja, vielleicht sieht es von außen irgendwie besonders aus. Aber tatsächlich fühle ich mich oft alles andere als mutig. Gerade, wenn ich neue Ideen habe, wenn ich etwas versuche, was ich noch nie zuvor gemacht habe, dann ist die Angst eigentlich immer mit dabei.

Manchmal frage ich mich, was das überhaupt sein soll, ein mutiger Mensch. Ob wir da nicht als Gesellschaft manchmal eine komische Auffassung von „mutigen Menschen“ haben. So als wäre Mut ein besonderer Charakterzug, den man entweder hat oder nicht. Als wäre Mut etwas, was nur Heldinnen und Helden haben. Diejenigen, die eben besonders sind. Unerschrockener als andere.

Ich glaube, dass es anders ist.

(mehr …)